Faust und Mephisto im Lockdown

Faust: (sinnierend zuhause)
Habe nun, ach, Melancholie,

Einsamkeit und Dysharmonien

und leider auch Misanthropie

durchaus gefühlt trotz heißem Bemüh‘n.

Da steh ich nun, versperrt das Tor,

Und darf nicht raus als wie zuvor!

Im trauten Heime isoliert,

in eigner Zelle arretiert,

zwingt zum Rückzug uns wie nie

vermaledeit die Pandemie.

Die Welt sich selbst im Schock bestaunt,

das ganze Land ist lockgedownt.

 

„Wie im Innen, so im Außen?

Das, was drinnen, ist auch draußen?“

Nun, wer sowas einst gedichtet,

Hat Quarantänen nie gesichtet!

 

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!

Die eine drängt zur Ausgehlust.

Die andere, folgend der Vernunft,

vermeidet stur Zusammenkunft.

 

So schleich ich rum in meiner Klause,

Zerstreuung suchend im Zuhause.

Nun welchen Sinn soll ich bezwecken?

Ich starre in der Zimmer Ecken

Und erspähe grade eben

ein Spinnentier beim Weben.

Soll ich mit Fluch und Spinnenbein

mich suchend lassen ein 

und strebend mich ergeben

nun der Magie, der Schwarzen?

Nein, dafür fehlt es mir an Warzen!

 

So lass ich ab und greife jäh

zu meinem Leder-Portemonnaie,

aus ihm hervor zieh ich zwei Scheine

und schneid‘ in Teile sie, in kleine,

eh ich mit Schere und mit Feile 

sie immer weiter noch zerteile,

akribisch auseinanderklaub‘,

bis vor mir liegt Monetenstaub.

Jedoch so sehr es mich antreibt,

noch ungeklärt das Rätsel bleibt: 

die große Frage, WAS das Geld 

im Innersten zusammenhält!?

 

Da regt im Bauch sich ein profanes

Gefühl – der Hunger ist’s, ich ahn‘ es!

Doch hat Auerbachs Keller heute zu 

mein Stammlokal in Lockdown-Ruh.

So muss ich, will ich Sattheit spüren,

am Herde selbst den Löffel rühren.

 

Wie täglich schon seit Wochen 

will ich heut Pasta kochen.

Spaghetti, seh ich, die sind alle,

jedoch im Schrank gibt‘s noch Farfalle.

Gleich in den heißen Topf hinein!

Die ganze Packung soll es sein!

 

Walle walle 

manche Strecke,

dass zum Zwecke 

Wasser siede!

Und die köstlichen Farfalle

mach al dente und solide!

 

Jedoch was muss ich sehen?

Kann das natürlich noch geschehen?

Ist‘s Schatten? Ist es Wirklichkeit?

Wie wird die Pasta lang und breit!

Und sieh, es hebt sich mit Gewalt.

Das ist nicht Teigwaren-Gestalt!

Was für ein Nebel, was für Dampf!

Mein Nudelsieb bereit zum Kampf.

 

Mephistopheles tritt hinter dem Ofen hervor. Erscheint mit Schwefeldampf. 

 

Faust:

Was seh ich!? Einen finstern Herrn!

Das also war der Nudeln Kern!

Wer seid Ihr? Und was treibt Ihr

in meinem Isolier-Quartier?

Sagt, seid Ihr im Kopf marod?

Schon mal gehört: Kontaktverbot!

 

Mephisto:

Ach, werter Faust, so haltet still,

als Teil von jener Kraft,

die stets das Böse will

und stets das Gute schafft,

hat noch kein Virus jemals Macht

in meiner Welt der ew‘gen Nacht.

Erreger sind nicht mein Revier.

Im Gegenteil: Sie fliehen mir!

Man könnt fast meinen, lieber Faust,

dass es den Viren vor mir graust.

Die Fledermäus‘ aus China,

verspeise ich wie andre Wiener.

Ebola aus Kamerun?

Gegen solch Zeug bin ich immun.

 

Faust:

Nun gut, ihr mögt mich nicht anstecken,

doch meinen Boden wohl verdrecken!

Dies ist meine, nicht (stockend) des Teufels Küche!

Hinfort, infernalische Gerüche!

So packt euch! Und macht euch mit Verlaub

ratzfatz-eiligst aus dem Staub!

 

Mephisto:

Ihr meint, Ihr könntet mich entbehren?

Ich soll mich zu mir selber scheren?

Ich bin der Geist, der stets verneint,

drum sag ich Nein, und bleib vereint

mit Euch, bis Ihr erkennt,

wie nützlich sei mein Element.

 

Faust:

Ihr nützlich!? Habt ihr angestellt

nicht Leid genug schon auf der Welt!

Das Unheil der Corona-Seuche,

ein Teufelswerk, das keinem gleiche!

 

Mephisto:

Nun, Einspruch leiste ich, vergebt!

Es irrt der Mensch, solang er strebt!

Was führt euch zu den Thesen 

ICH sei Coronas Quell gewesen? 

Dann wäre ich ja Dilettant!

Des Teufels Virus wär ein Flächenbrand,

der dahinrafft Mensch und Massen

statt wenige nur anzufassen!

Drum sag ich euch, es tut mir leid,

verweigern muss ich jedes Copyright.

 

Allein, was mir durchwegs gefällt,

ist nun das Chaos auf der Welt!

Wie sich die Welt in Panik setzt,

hat selbst der Teufel unterschätzt!

Nicht halb so groß ist dieser Drachen,

wie das, was Menschen aus ihm machen.

Drum lang die Pandemie noch lebe!

Ein Schauspiel, das ich gern mir gebe.

 

Die ganze Zwietracht und das Spalten,

mich sollen teuflisch unterhalten.

Der eine siech und desperat,

der andere matt und Lockdown-blad.

Die einen wettern voller Eifer,

die andern zweifeln voll mit Geifer.

Hier Missgunst und dort Neid

und überall, mir größte Freud,

der gute, alte Hass.

Fürwahr, ein Teufelsspaß!

 

Faust:

Ja, ja der Worte sind genug gewechselt.

Doch lasst uns endlich Taten sehen.

Indes Ihr Analysen drechselt,

kann etwas Nützliches geschehen.

So sagt, bevor ihr geht durch diese Tür, 

was will der Herr denn nun von mir?

Der Teufel hat was vor, wenn er erschien

ohne Aviso und Termin.

 

Mephisto:

Bin hier aus einem Grund allein.

Ich möchte Euch zu Diensten sein!

 

Faust:

Doch wie wollt Ihr in meiner Küch‘

nun dienstbar sein für mich?

Einen Kitchen-Helper hab ich schon,

sowie Alexa auch von Amazon!

 

Mephisto:

Ach, Ihr sprecht mit Zungen

allzu profaner Niederungen.

Schon seit langem ich beobacht‘,

wie‘s Leben Euch nicht froh macht.

Ich sehe, wie Ihr täglich strebt

nach höchsten Idealen lebt,

seh‘ Euer Mühen, Euer Ringen,

den Grund zu forschen von den Dingen.

Jedoch je mehr Ihr Euch erweitert,

desto mehr Ihr kläglich scheitert.

Vergraben unter Bücherwust,

vergilbte Euch die Lebenslust.

Ich helfe gern zu diesen Zwecken

sie Euch aufs Neue zu erwecken.

Die Sehnsucht nähr‘n, die Leidenschaft,

das Glücke mehr‘n, die Lendenkraft!

Alsbald schon strebt ihr nach dem holden

Moment, den ihr wünscht zu vergolden.

Wenn Ihr befreit der schweren Stricke,

der Zeit gebietet, still zu steh‘n:

und Ihr sagt zum Augenblicke:

Verweile doch, du bist so schön!

 

Faust:

Mir scheint, ich kenne das Zitat

Und hoffe sehr, es ist kein Plagiat!

Die Botschaft hört‘ ich wohl,

allein mir fehlt der Glaube,

dass Glück sich leicht wie Alkohol

lässt pressen aus der Traube.

Doch muss ich sagen andrerseits,

die Sache hätt‘ wohl einen Reiz.

Doch grau ist alle Theorie 

und grün des Lebens goldner Baum,

grau ist auch mein Spiegel-Vis-à-vis,

zu ergrünen freilich wär ein Traum.

Drum Euer Vorschlag, bitte sehr!

 

Mephisto:

Gemach! Schon kommt mein Plan daher:

Ihr kennt im zweiten Stock dies Mädchen?

 

Faust:

Ach, Ihr meint das blonde Gretchen?

 

Mephisto:

Genau, sie ist es, die ich meine.

Die Maid, die huldvoll blickt wie keine.

Wie lieb sie Euch mit Blicken segnet,

wenn ihr im Hof einand‘ begegnet,

als wärt Ihr Star in der Arena

und nicht beim Biomüll-Container.

 

Faust:

So meint ihr wirklich? Weiß nicht recht.

 

Mephisto:

Gewiss! So ist es! Wahrhaft, echt!

So legt nur ab den Blick der Frommen!

 

Faust:

Doch wie soll ich ihr näherkommen?

 

Mephisto:

Mein Plan: Ihr klopft an ihre Tür 

und wenn sie öffnet, flüstert Ihr:

„Ach, schönes Fräulein, darf ich‘s wagen, 

Ihr Arm und Hilfe anzutragen?

Ich mach Einkäufe für Sie jeden Tag!“ 

 

Faust:

Moment? Das Gretchen ist doch jung und stark,

kraftstrotzend wie Gemüsesuppe,

fernab von „Risiko“ und „Gruppe“!

 

Mephisto:

Ihr sagt doch, blond ist sie, die Puppe?

Daher vom Zeh bis zu dem Schnabel

auch ausgesprochen vulnerabel.

Hier der Plan, ich mach’s konkret. 

Sprecht dieses, wenn Ihr zu ihr geht: 

„Lieb Fräulein, angesichts der Lage

stell ich Ihr nun die Gretchen-Frage:

Wie wär’s, wenn ich durchs Städtchen trage

für Sie den Einkauf, ihn aufs Rädchen lade

und all die Sachen Ihr ans Bettchen trage,

solange herrscht im Städtchen Plage?“

 

Faust:

Ja, schön gesagt, gut vorgetragen!

Also gut, so will ich’s wagen!

Noch heute geht das Werben los!

Doch, halt, was ist mein Einsatz bloß?

Der Teufel ist ein Egoist,

der nur zur Not die Fliegen frisst.

Viel lieber nährt er sich von Seelen.

So wollt Ihr wohl auch meine stehlen?

 

Mephisto:

Ach, lassen wir den Brauch der Alten,

Die Seele? Die könnt Ihr behalten!

Jedoch wenn Ihr spendieret mir

nur eine Rolle Klopapier, 

vierlagig, flauschig-weich und trocken

dann würd‘ ich schon frohlocken!

Die Hölle will ich höllisch heißen,

gibst dort kein Papier zum … Runterreißen.

 

Faust:

Der Satan auf bescheiden macht!

Gut! Nun denn, dann abgemacht!

Dann geh jetzt nun an Gretchens Tür,

und fordre Schicksal und Plaisir.

Doch, bitte, passt, indes ich lauf,

am Herd mir auf die Nudeln auf!

 

 

Fünfzehn Minuten später.

Faust kehrt zurück, wehklagend, geschwollenes, deutlich blaues Auge.

 

Mephisto:

Wie seht Ihr aus? Was ist geschehen?

So hat man Euch noch nie gesehen!

Selbst in der Hölle, im Gefechte,

sind schicklicher die Satansknechte.

 

Faust:

Nun, ein Vergnügen war‘s mitnichten.

So will ich‘s euch sogleich berichten.

Zunächst ich läut‘ an ihrer Tür

und flugs die Mutter öffnet mir.

Sie tut es hustend, keuchend, kränklich,

ihr Zustand mindestens bedenklich.

Ihr Mund sich öffnet ungeschaut

und los sie niest trompetenlaut.

Doch in die Ellenbeuge nicht,

sondern mir mitten ins Gesicht!

 

Dann kam‘s Gretchen aus dem Zimmer,

anmutig-schön und lieb wie immer.

Ich sag den Spruch in edlem Ton 

vom Städtchen, Rädchen und … ihr wisst es schon.

Und achte, wie sich ihre Miene rührt

und wie sanft sie ihre Worte kürt:

Ich check kein Wort von dem Gelaber,

und, hey, versteh nix als Rhabarber!

Du Kevin, komm mal, schau ein Gast!

Sag doch Hallo zu diesem Spast!“

 

Und plötzlich merke ich, vor mir

erwächst ein Schatten an der Tür

und jäh ein Schrank von einem Manne,

im Wuchs so groß wie eine Tanne,

ein Henker unter den Kolossen

enthemmt auf mich kommt zugeschossen,

und wie gestochen von Taranteln,

in einer Hand noch Eisenhanteln,

die andre Hand zur Faust geballt,

mir eine auf den Schädel knallt,

so dass es mir im Haupte braust,

traf hier doch deutlich Faust auf Faust.

Mit mächtiger Naturgewalt

von einer dumpfen Urgestalt,

dass mir mein Ich, mein Name auch,

im Nu zerfällt zu Schall und Rauch.

Die Tür mit Knall ins Schlosse fiel

und ich fiel mit, nicht mehr stabil.

Mir wurde schwarz gleich einem Schacht,

wie düsterste Walpurgisnacht!

 

Nun, Mephisto, saget an! 

Wie lautet nun der neue Plan?

 

Mephisto (nach langem Schweigen):

Ein neuer Plan? Er ist vakant!

Für mich es hat sich ausgeplant!

Ich seh, gebunden mir die Hände,

mit meinem Goethe mich am Ende!

Der Mensch braucht ohne Zweifel

heut weder Gott noch Teufel.

Abgründe oder Sinn fürs Feine,

ihr Menschen schafft das ganz alleine.

Dies Gut-und-Schlecht ist nicht mehr Faktor,

antiquiert kommt mir mein Pakt vor.

Weshalb ich ihn nun löse,

den Vertrag ich hiermit kündig‘,

der Mensch jenseits von Gut und Böse,

handle selbstbestimmt und mündig!

In Zukunft steh ich bloß am Rand

und bin systemirrelevant.

Drum geh ich nun, zum Sturz bereit,

und meld mich an zur Kurzarbeit.

Ich sag Adieu, gehabt euch wohl!

Legt Euch aufs Aug‘ ein Blatt vom Kohl!

Ein Letztes noch, verzeiht die Schand‘,

der Nudeltopf ist angebrannt.

 

Faust:

Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor.

 

(Vorhang)